Gespräch zwischen Soziologe und Kulturwissenschaftler



HA: Was verstehst Du unter Migration in einem weiten sowie allgemeinen Sinne?

BT: Das müsste man eigentlich meine Eltern fragen. Meine Eltern haben Migrationserfahrung, da sie aus Eritrea nach Deutschland migriert sind. Ich selbst bin in Deutschland geboren und aufgewachsen; habe somit keine unmittelbare Migrationserfahrung. Eher habe ich den sogenannten „Migrationshintergrund“. Eigentlich sieht man mir an, dass ich aus anderswoher abstamme. Der bekannte Kabarettist Abdelkarim würde hier sagen: Migrationsvordergrund.

Wenn ich meine Eltern frage, was sie unter Migration verstehen, würden sie antworten: ,,Migration bedeutet die eigene Heimat zu verlassen und in einem neuen Land ein neues Leben aufzubauen, das uns in unserer Heimat nicht möglich war.“ Die Frage, die ich mir an dieser Stelle als gebürtiger Frankfurter stelle: ,,Was verstehen wir unter Postmigration?“ Man muss sich ernsthaft mit der Frage befassen, was nach der Migration kommen wird. Wir sind jetzt nun in diesem Interviewgespräch in der Behandlung der Frage einen großen Schritt weiter. Weitere Fragen, die nicht nur migrantisch und postmigrantisch, sondern auch insbesondere gesamtgesellschaftlich zu diskutieren sind: 1. Wie definieren wir das Deutschsein in Zukunft? 2. Braucht man ein ,,biodeutsches“ Aussehen und Nachnamen, um als Deutscher zu gelten, obwohl man in diesem Land geboren, sozialisiert wurde, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, das deutsche Erziehungs- und Bildungssystem durchlaufen hat, seine Steuern in diesem Land zahlt und vermutlich auch in diesem Land irgendwann mal sterben wird?


HA: Der Begriff der Postmigration wurde von bestimmen Akteuren aus der Wissenschaft, Kunst- und Kulturszene in deutschen Großstädten geprägt. Als die fünftgrößte Großstadt ist Frankfurt am Main sowohl zentral als auch vielfach und vielseitig zentriert. Allgemeiner ausgedrückt, gilt Frankfurt unter deutschen sowie europäischen Historikern aufgrund seiner vielfach einzigartigen Geschichte als sehr speziell. In diesem Kontext, was bedeutet nun Migration für Dich im engeren Bezug auf Frankfurt?

BT: Frankfurt ist bis heute die einzige deutsche Großstadt, in der über 50% der Stadtbevölkerung Migrationshintergrund haben. Über 180 Nationen leben in Frieden und Respekt miteinander. In meinen Augen bildet Frankfurt die zukünftige postmigrantische Gesellschaft in Deutschland am besten ab. Diese ethnische und kulturelle Vielfalt kann man sehr deutlich am Freundeskreis eines durchschnittlichen Frankfurters festmachen: Der hat einen Marokkaner, Türken, Kurden, Brasilianer, Araber, Franzosen, Italiener, Kroaten, Iraner, Deutschen, Peruaner, Eritreer, Spanier, Inder, Portugiesen als Freunde. Und das ist selbstverständlich. Man merkt erst, dass Frankfurt am Main etwas Besonderes ist, wenn man selbst in anderen Städten gewesen ist.


HA: Der Frankfurter ist in Bezug auf seine kulturelle, ethnische, religiöse und sprachliche Supervielfalt verwöhnt. Konkret gesprochen, kann man in der Alltagsrealität die transkulturelle Vielfalt z.B. am ,,Irfan Café“ im Bahnhofsviertel teilnehmend beobachten. Dabei sitzen in einem eigentlichen türkischen Café tatsächlich verschiedene Minderheitengruppen zusammen, wobei die ethnischen Türken in ihrem eigenen Heimat-Café eine Minderheit bilden. Nun, zurück zu deiner Identität. Wie würdest Du deine Identität bezogen auf Frankfurt beschreiben und dann definieren?

BT: Meine Identität ist – wie Du als Kulturwissenschaftler sagen würdest – stark von Inter- und Transkulturalität geprägt. Mein Leben war, seit ich denken kann, von der Supervielfalt Frankfurts geprägt. Ich bin in einer multireligiösen, multiethnischen und multilingualen Familie groß geworden. Verschiedene Kulturen, Nationen und Sprachen waren immer schon ein wichtiger Teil meines Lebens, womit diese meine Persönlichkeit und Identität geprägt haben.


HA: Unter Transkulturalität versteht man in den Sozialwissenschaften, dass nicht wie bei der Multikulturalität z.B. Kulturen und Ethnien nebeneinander existieren, sondern diese sich miteinander vermischen. Damit entsteht dann wiederum in den Kategorien Kultur, Identität, Sprache und Dialekte etwas Neues. Transkulturalität bedeutet demnach, dass wir die Kultur, in der wir geboren, sozialisiert und dadurch verhaftet sind, allmählich überwinden und uns zu einer neuen unbekannten Sphäre begeben. Könnte Frankfurt folglich eine Vorbildfunktion für die seit Jahrzehnten diskutierten, aber noch nicht ausreichend behandelten Themenbereiche der Integration und Inklusion für andere deutsche Städte anbieten?

BT: Durchaus. Fakt ist: Im Jahr 2020 haben über die Hälfte der Stadtbevölkerung eine Migrationsgeschichte. In 20 bis 30 Jahren werden 60% oder 70% der Stadtgesellschaft einen Migrationshintergrund aufweisen. Das sich jemand wie Du, der im Orient teilsozialisiert und mit beinahe elf Jahren nach Deutschland gekommen ist, in diesem Land sein Abitur abgelegt hat, studiert und promoviert wurde, und ein Eritreer, der hier geboren und sozialisiert wurde, sich nicht primär und eindimensional über ihre Nationalität und ihre eigentliche Herkunft, in der sie zufällig hineingeboren wurde, definieren, verdeutlicht schon viel. Wir beide sind das beste Beispiel dafür, dass wir in der transkulturellen Realität Frankfurts angekommen sind.


HA: Transkulturalität ist in Frankfurt daher Alltagsrealität. Das was ein Frankfurter alltäglich erlebt ist, dass beinahe alle Minderheiten miteinander und nicht nebeneinander, wie in anderen hiesigen Großstädten, leben. Mir hast Du verraten, dass du bald dein Masterstudium an der LMU München fortsetzen wirst. Warum nimmst Du nun das Studium der Interkulturellen Kommunikation auf?

BT: Das Thema Interkulturalität hat sich wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben gezogen. Ich selbst habe 30 Jahre interkulturell gelebt. Es ist an der Zeit mich mit diesem Thema aus wissenschaftlicher Perspektive auseinanderzusetzen. Als Arbeiter- und Migrantenkind bin ich dankbar die Eignungsprüfung für den Studiengang bestanden zu haben und das Studium der Interkulturellen Kommunikation zum Wintersemester 2020/21 antreten zu können.


HA: Ein wichtiges Ziel der Akademie für Migration ist es, die sich gestellten Aufgaben, um das große Thema der Migration und Frankfurt am Main als postmigrantische Stadt zu verwissenschaftlichen und in einigen Bereichen diese zu vergesellschaften. Welche Gebiete sollte man deiner Ansicht nach inhaltlich stärker behandeln?

BT: Meine Antwort ist die der Inter- und Transkulturalität. Idealerweise mit Professoren, die selbst einen interkulturellen Background haben und somit die Thematik nicht nur aus der Theorie und Büchern kennen, sondern durch ihre eigene Biografie erlebt, gelebt und in deinem eigenen Fall auch überlebt haben. Das Potenzial ist in Frankfurt in jedem Fall gegeben: finanziell, strukturell und personell.


HA: Ich danke Dir für deine Zeit und dein Interesse, Bereket

Ende.